Es hätte schlimmer kommen können. Die UN-Weltklimakonferenz in Cancun hat zwar nur bescheidene Ergebnisse gebracht – aber immerhin. Ein abschließendes Fazit.

Das Papier, das nach knapp zwei Wochen zäher, aber relativ konstruktiver Verhandlungen und einem 2-Nächte-Abschluss-Tagungsmarathon letztlich am Samstagmorgen um ein Uhr nachts von den 194 Staaten beschlossen wurde, ist vor allem Lyrik: schöne Ziele, aber nichts dahinter. Immerhin aber gibt es einen rechtlich verbindlichen Grundkonsens und erste Schritte, auf denen man aufbauen kann.

Das Dokument erkennt an, dass die Industrieländer ihre Emissionen in den nächsten Jahren u 25 bis 40 Prozent reduzieren müssen. Auch das Ziel, die Erwärmung auf maximal zwei Grad zu begrenzen, wird verankert, einschließlich dem Auftrag, ein schärferes Ziel einer Begrenzung auf 1,5 Grad zu „prüfen“. Konkrete Reduktionspflichten gibt es nicht.

Die unverbindlich in Kopenhagen zugesagten 100 Milliarden Dollar jährlich ab 2020 für einen Klimafonds wurden nun rechtlich verbindlich zugesagt. Ein Gremium unter Ägide der Weltbank soll das überwachen. Woher das Geld kommen soll, an wen das Geld fließen soll, für was es ausgegeben werden soll, ist noch nicht beschlossen.

Erstmals wird im so genannten „REDD“ Mechanismus (Reducing Emissions from Deforestation and Degradation) der Schutz von Regenwald ökonomisch belohnt. Wer den Regenwald schützt, soll dafür Geld bekommen. Wer das Geld wofür bekommen soll, woher es  kommen soll, ist auch hier noch unklar.

Ziviler Protest wird polizeilich aufgelöst

Die gute Tradition, die Verhandlungen gegenüber der Zivilgesellschaft zu öffnen, wurde in Cancun beerdigt. Der Gipfel war durch Polizei und Militär abgeriegelt, Zivilgesellschaft und Regierungsdelegierte separiert. Die Aktionen der Zivilgesellschaft fanden in Cancunmesse statt, einer eigens für den Klimagipfel gebauten Messehalle, gut 45 Minuten Busfahrt vom Stadtzentrum entfernt. Die Verhandlungen fanden im Moon Palace statt, einem 5-Sterne-Hotel weitere 30 Minuten entfernt.

Allein durch die weiten Strecken zwischen den Gebäuden wurde Protest und Beteiligung erdrückt. Nur einige kreative Aktionen des internationalen Jugendnetzwerks YOUNGO mischten den Gipfel etwas auf.

Am letzten Konferenztag stellte ich mich zusammen mit anderen jungen Leuten neben die Eingangstüren des Moon Palace. „Wir gehen nicht mehr weg, bis dieser Gipfel nicht eindeutige Ergebnisse verabschiedet“, rief ich den Journalisten zu. Nach zwei Stunden wurden wir unsanft von der Polizei abtransportiert.

Dazu mehr: „Die 14 von Cancun“ (http://www.klimaretter.info/klimagipfel-cancun/hintergrund/7533-die-14-von-cancun)

Video auf Youtube: http://www.youtube.com/watch?v=A1Lnd_0-4wI

Heute beginnt der letzte Verhandlungstag der UN-Weltklimakonferenz. Welchen Fortschritt es tatsächlich gibt, kann noch niemand beurteilen. Die Delegierten bereiten sich auf eine lange Nacht vor.

Das Briefing mit Umweltminister Röttgen war kurz und ernüchternd: Die USA bewegen sich nicht, China bewegt sich nicht, einen fertigen Text, den man abschliessend beraten könnte, gibt es nicht. Am Ende sagt der Minister, was er schon am Tag zuvor in seiner Ansprache im Plenum gesagt hatte: Egal, wie Cancun ausgeht, wird Deutschland weitermachen mit seiner Klimapolitik. Klimaschutz sei keine Last, sondern ein Gewinnerthema. Es gehe um den Kampf um ökonomische Vorteile: Wachstum, Jobs, Energieautonomie.

Das haben auch die Chinesen begriffen, die – völlig unabhängig vom UNFCCC-Prozess und ohne CO2-Reduktionspflichten – massiv in erneuerbare Energien investieren und eine gigantische Solar- und Windindustrie aufbauen. Allerdings nicht aus Klimaschutz-Gründen, sondern um die Importabhängigkeit zu verringern, den Energiehunger einer wachsenden Bevölkerung in einem sich industrialisierenden Land zu stillen und Arbeit, Wachstum und Exportmärkte zu erschliessen.

 China und USA als Blockierer

China lehnt aber verbindliche Klimaschutzverpflichtungen ab, solange die USA nicht ebenfalls zu Verpflichtungen bereit sind. Die USA wiederum sind nicht zu Verpflichtungen bereit, solange China nicht einbezogen ist. Und so schieben beide Blockierer den schwarzen Peter hin und her. Die amerikanische Obama-Administration würde dabei sogar gerne einen Klimavertrag unterzeichnen. Aber der US-Senat, der schon das unter Bill Clinton und Al Gore mühsam erstrittene Kyoto-Protokoll rundweg abgelehnt hat, würde jedes Klimaschutzabkommen durchfallen lassen, in dem nicht alle Schwellenländer ebenfalls signifikant einbezogen werden – dies galt selbst mit demokratischer Mehrheit, und dies gilt mit der republikanischen Mehrheit im Kongress umso mehr. Die US-Delegation kommt daher leider auch unter Obama nicht umhin, wieder den Blockierer und Aufweicher zu spielen.

Der deutsche Umweltpolitiker und -wissenschaftler Prof. Ernst Ulrich von Weizsäcker empfahl inzwischen im SZ-Interview, ein Klimaabkommen einfach ohne die USA zu schliessen. Viele der Delegierten hier finden das ganz sympathisch. Aber immerhin ist die US-Delegation prinzipiell zu CO2-Reduktionszielen bereit – deshalb täte es gut, sie auch vertraglich dazu zu verpflichten, bevor dieses Momentum wieder verloren geht.

 Abgeklärte Stimmung beim Briefing

 Beim Briefing mit den deutschen Parlamentariern im Delegationsbüro herrscht abgeklärte Stimmung. Es geht um Details, weniger um das Gesamtbild. Die NGO-Vertreter sind ruhig und brav, als ob alles paletti wäre. Wer den Prozess seit 20 Jahren mitverfolgt, ist anscheinend sehr abgebrüht. Nur BUND-Chef Hubert Weiger wagt auszuprechen: “Wir sollten uns überlegen, ob wir naechstes Jahr wieder an der Klimakonferenz teilnehmen, und ob die mageren Entscheidungen wirklich den gewaltigen CO2-Aufwand der Klimakonferenz rechtfertigen.”

Ich frage die Parlamentarier nach ihrer Haltung zur Technologiekooperation für erneuerbare Energien. Im Vertrag steht bisher quasi gar nichts dazu. FDP-Chefumweltpolitiker Michael Kauch sagt, in der FDP habe man diskutiert, ob man nationalen Klimaschutz “parallel” oder “zur Unterstützung” des UNFCCC-Prozesses machen wolle. Der Kompromiss heisst nun: “parallel und zur Unterstützung”. Die Devise: Nicht aufgeben, aber auch nicht ergebnislos warten. Der CDU-Klimaexperte sagt, Technologiekooperation sei genau das, was eigentlich gemacht werden müsse.

Die Delegierten erwarten Verhandlungen bis spät in die Nacht. Die wichtigen Entscheidungen werden wohl erst kurz vor Schluss getroffen werden – selbst am letzten Konferenztag ist noch nichts unter Dach und Fach, weil alle weiter Mikado spielen: wer sich zuerst bewegt, verliert. Der Ausverkauf der Zukunft geht weiter.

Während drinnen die Regierungsbeamten das Weltklima verhandeln, pflanzen Kinder vor dem UN-Tagungshotel 194 Bäume – symbolisch für die teilnehmenden Staaten. Ihr Motto: Stop talking – start planting.

Als Felix, ein Schüler aus München, neun Jahre alt war, hielt er in der vierten Klasse ein Referat über Klimawandel. Und began danach spontan, zusammen mit Freunden Bäume zu pflanzen. Immer mehr Kinder wollten mitmachen. Inzwischen ist daraus, mit Unterstützung seines Vaters, eine weltweite Schülerbewegung für Klimagerechtigkeit geworden. Allein in Deutschland wurden bereits eine Million Bäume gepflanzt. Und es warden immer mehr.

In Cancun haben die Kids es geschafft, direkt neben dem Tagungsgebäude 194 Bäume pflanzen zu dürfen – symbolisch für die 194 Staaten, die am Weltkliamgipfel teilnehmen. Zusammen mit 12 Kindern au seiner Schule in Cancun geht der bereits sehr welterfahrene Felix enthusiastisch ans Werk. Zu sehen, mit welcher Begeisterung die Kinder dabei sind, steckt an. Viele Minister kommen zur Pflanzaktion, sie erhoffen sich tolle Bilder, doch viele müssen sich von de Kindern belehren lassen, wie man denn eigentlich einen Baum richtig zu pflanzen hat.  

„Die Pflanzaktion hier auf dem Weltklimagipfel in Cancún ist die bedeutungsvollste, die wir je veranstaltet haben. Gerade nach dem Scheitern von Kopenhagen ist es umso wichtiger, dass hier die richtigen Entscheidungen getroffen werden, damit endlich gehandelt wird“, sagt Felix.„Wir Kinder sind sehr enttäuscht und sehen es fast schon als Verbrechen an unserer Zukunft, dass die Erwachsenen noch immer nur reden und keine verbindlichen Abkommen zum Klimaschutz treffen. So werden sie die Gletscher nicht am Schmelzen hindern. Dabei wissen sie doch ganz genau, was die Klimakrise bedeutet und wie sehr sie unsere Zukunft bedroht.“

Bäume pflanzen gegen die Klimakrise

Die Kinder der Schülerinitiative Plant-for-the-Planet haben es sich zum Ziel gesetzt, in jedem Land der Erde eine Million Bäume zu pflanzen, um auf diese Weise einen CO2-Ausgleich zu schaffen und aktiv etwas gegen die Klimakrise zu tun. In Deutschland wurde das Ziel bereits erreicht. Inzwischen ist Plant-for-the-Planet eine weltweite Bewegung mit aktiven Kindern in 91 Ländern. Sie alle setzen sich für Klimagerechtigkeit im Sinne einer Gesamtreduktion der Emission von Treibhausgasen und einer einheitlichen Verteilung dieser Emissionen auf alle Menschen ein. Sie sind überzeugt, dass nur ein Weltvertrag basierend auf Klimagerechtigkeit die Lösung der Probleme sein kann.

Durch ihr Engagement führen die Kinder Politikern und Öffentlichkeit eindringlich vor Augen, dass es höchste Zeit zum Handeln ist. Unermüdlich pflanzen sie Bäume und weisen mit Reden, Vorträgen und öffentlichkeitswirksamen Aktionen auf die Notwendigkeit hin, endlich aktiv zu werden. Obwohl sie ihr Vertrauen in die Erwachsenen nahezu schon verloren haben, wollen sie nicht resignieren. Sie glauben fest daran, dass sie bald Erfolg haben werden und die Erwachsenen dazu bewegen können, umzudenken und zu handeln – schließlich geht es um ihre Zukunft.

Auch auf der UN-Klimakonferenz bleibt die Atomlobby nicht untätig. Aber internationale Experten bescheinigen der Kernenergie wenig Klimaschutzpotenzial.

In der Cancunmesse, wo sich Zivilgesellschaft und Wissenschaft zum Austausch zu Klimathemen treffen, sind rund siebzig Infostände aufgebaut, darunter auch ein Stand der Internationalen Atomenergie-Agentur (IAEA), die – finanziert durch Steuergelder der Mitgliedsstaaten, darunter auch Deutschland – seit fünfzig Jahren professionelle Lobbyarbeit für Atomkraft betreibt.

In einer Broschüre “Climate Change and the Atom” schreibt die IAEA, Kernenergie habe “das grösste Klimaschutzpotenzial zu den niedrigsten Kosten”. Man solle der Kernenergie doch bitte ohne falsche Vorurteile begegnen.

Internationale Experten bezweifeln Klimanutzen von Atomkraft

 

Doch die Sichtweise der Atomlobby wird von internationalen Experten bezweifelt. Auf einem “Side-Event” (also einer begleitenden Nebenveranstaltung zu den offiziellen UN-Verhandlungen) sprechen an dem Abend, an dem ich die IAEA-Broschüre entdecke, mehrere hochkarätige Experten zu Szenarien einer Niedrigemissionswirtschaft.

Gute Gelegenheit also, nach dem Wahrheitsgehalt der Atom-Thesen zu fragen. Norbert Gorissen, Abteilungsleiter für internationale Zusammenarbeit beim deutschen Bundesumweltministerium, ist skeptisch. “In den letzten fuenf Jahren hat der Anteil von Kernenergie am weltweiten Strommix sogar abgenommen. Ich sehe da wenig Potenzial. Wenn Atomkraft überhaupt eine Rolle spielen kann, dann nur eine sehr kleine.”

John K. Brent, Professor fuer Kernphysik an der kalifornischen Elite-Uni Berkeley und seit kurzem in der Energieabteilung der Weltbank tätig, findet ebenfalls deutliche Worte: “In den USA sollten viele neue Meiler gebaut werden, mit staatlicher finanzieller Hilfe. Obwohl das Geld auf dem Tisch liegt, ziehen immer mehr Investoren ihre Vorhaben zurück. Wir müssen die harte wirtschaftliche Realität erkennen, das sich Atomkraft betriebswirtschaftlich ohne massive staatliche Zuwendungen nicht rechnet. Die Weltbank hat Atomkraft daher noch nie unterstützt.”

Die ungeliebten Klimaschützer?

 

Ein vernichtendes Urteil fuer die Kernenergie also. Die Desinformationskampagne “Die ungeliebten Klimaschuetzer” des Deutschen Atomforums, die Kernkraft als Klimaretter preist, ist daher eine ebenso verzerrte Darstellung wie die Desinformationshefte der vom deutschen Steuerzahler mitfinanzierten Internationalen Atomenergie-Agentur. Vor den Energielügen der Atomlobby sollten wir uns nicht in die Irre führen lassen. Der beste Klimaschutz ist immer noch neue Energie aus Sonne, Wind, Biomasse und Wasserkraft.

Das einzige Ergebnis, auf das sich die Regierungen beim UN-Klimagipfel bisher geeinigt haben, ist der bessere Schutz der Regenwaelder – allerdings mit einigen Schlupflöchern.

“REDD plus” heisst die Losung des Tages: Erfolgreich haben sich die 194 vertretenen Nationen auf einen Basiskonsens zum Schutz der Waelder geeinigt. “Reducing Emissions from Deforestation and Degradation”, kurz REDD, soll die Brandrodung stoppen und damit den nach fossilen Energieemissionen zweitgrössten Klimakiller Einhalt gebieten. Dem Wald soll ein ökonomischer Wert verliehen werden, damit es sich wirtschaftlich nicht mehr lohnt, Wald für Plantagen oder Weideflächen abzuholzen.  “REDD steht”, freut sich schon Christiane Figueres, UN-Chefklimabeauftragte. Die Details sind allerdings noch nicht unter Dach und Fach.

Schwachstellen in der Kritik

Für Kjell Kuehne, waldpolitischer Aktivist beim globalen UN-Jugendnetzwerk YOUNGO, gibt es dabei aber zu viele Ungereimtheiten. “Es steht alles nur auf dem Papier”, sagt der Deutsche, der seit Jahren in Mexiko lebt. “In den so genannten safeguards steht: Die Rechte indigener Voelker sollen geachtet werden, bei der Nutzung der Wälder soll auf dieses oder jenes geachtet werden usw. Aber es gibt keine Kontrolle dahinter, und die Regierungen werden die Wälder nicht an die dort lebenden Menschen, denen der Wald eigentlich zusteht, einfach verschenken.” Er befurchtet, dass die Fokussierung auf Wald als CO2-Senke andere Aspekte, wie den Erhalt der Artenvielfalt oder die Rechte der in den Waeldern lebenden Menschen, unter den Teppich kehrt.

Besonders in der Kritik steht das Zertifikatesystem, das bei der Verwirklichung von REDD plus Geld in die Kasse schwemmen soll. Waldflächen duerfen dann auf dem Kohlenstoff-Markt als so genannte Senken gehandelt werden, sodass sich z.B. Firmen in Deutschland durch die Zertifikate von eigenen Emissionsreduktionen freikaufen könnten. Kritiker fürchten, dass damit der Systemwechsel in den Industrienationen hin zu einer CO2-armen Wirtschaft aufgeschoben wird.

Hoffnung Cancun

Noch ist nicht sicher, ob REDD am Ende so verabschiedet wird, wie es sich jetzt andeutet. Denn die Zustimmung ist bei vielen Nationen auch davon abhängig, ob eine Loesung auch bei anderen Themen gefunden wird. Am Ende kann es sein, dass auch der Regenwaldschutz scheitert, weil viele Staaten dem nur zustimmen wollen, wenn z.B. Fragen des Klimaschutzfonds ausreichend geklärt sind.

Kjell Kuehne sagt: “Bisher hat der Prozess der UN-Klimaverhandlungen nichts zum Regenwaldschutz beigetragen.” Es ist Zeit: Denn pro Jahr wird eine Fläche vernichtet, die dreimal so gross wie Ungarn ist.

In Cancun verhandeln die Vereinten Nationen über die Rettung des Weltklimas. Doch der wichtigste Punkt fehlt auf der Tagesordnung: Erneuerbare Energien.

Die Worte von Christiana Figueres, der Chefsekretärin der UN-Klimakonferenz, bei einem Briefing mit Jugendvertretern waren deutlich: “Wir brauchen eine Energie-Revolution, die von einer Tragweite sein wird wie die industrielle Revolution. Unsere gesamte Wirtschaft muss umgestellt werden.”

Pikanterweise verhandelt der UN-Klimagipfel aber an der Priorität Nummer 1, dem Systemwechsel von fossilen Energierohstoffen hin zu erneuerbaren Energien, systematisch vorbei. Es ist viel die Rede von nationalen Verpflichtungszielen zur CO2-Reduktion, und davon, wie die Emissionsziele verteilt warden, wie genau die Emissionen zu berechnen sind, welche Sektoren eingeschlossen werden, wie so genannte “Senken” (vor allem Wälder, die CO2 binden) anzurechnen sind usw. Es geht sogar um “response measures”, d.h. eine Kompensation für die ölstaaten, die weniger verdienen, wenn die Industrieländer Klimaschutz betreiben.

Erneuerbare Energien auf dem Abstellgleis

Worum es nicht geht: Erneuerbare Energien. Ausgerechnet die wichtigste und einfachste Massnahme zur Reduktion von Treibhausgasen wird aus den Verhandlungen ausgeblendet. Bei einem Briefing für deutsche Nichtregierungsorganisationen fragte ich die Chef-Unterhändlerin der Bundesregierung, welche Rolle die Technologie-Kooperation bei erneuerbaren Energien spiele. Antwort: “Es passiert eine Menge am Rande der Verhandlungen. Eine konkrete Zusammearbeit fuer erneuerbare Energien steht aber bei den Verhandlunge nicht im Vordergrund.” Lediglich solle ein “Kommitee für besondere Technologiebedürfnisse” eingerichtet werden.

Auf die Frage, ob eine Verständigung zum Abbau von Subventionen für fossile Energien geplant sei, antwortet sie: “Das spielt keine Rolle. Es handelt sich dabei um nationale Entscheidungen.” Wobei allerdings die Welthandelsorganisation (WTO) und der Internationale Währungsfonds (IWF) handfest in nationale Angelegenheiten hineinregieren, was aber die UN-Klimakonferenz anscheinend nicht darf.

Man kann freilich der Ansicht sein, dass sich nationale Reduktionsverpflichtungen ja indirekt im Ausbau der Erneuerbaren Energien niederschlagen würden. Die Annahme allerdings, man brauche nur ein paar Ziele in ein Dokument schreiben, und der Rest ergebe sich dann von selbst, hat sich spätestens seit der Enttäuschung des Kyoto-Protokolls als naiv erwiesen.

Appell an die Jugend

Christiana Figueres blickt daher, trotz konstruktiv laufender Verhandlungen, mit ernüchtertem Realismus auf die möglichen Ergebnisse: “Der Wandel wird auch ausserhalb des UN-Prozesses stattfinden müssen”, sagt sie den Jugendlichen. Und appelliert an sie: “Wir können das Problem nicht lösen. Ihr müsst es selbst lösen. Es ist eure Verantwortung.”

Weltklimakonferenzen sind ein beliebter Anziehungspunkt für Lobbyisten aller Art. Das kann für die Delegierten durchaus angenehme Seiten haben: Tequila gratis zum Beispiel.

Bei Klimagipfeln wird ein umfangreiches Rahmenprogramm an sogenannten “Side Events” angeboten: Ausserhalb der offiziellen Regierungsverhanldungen stellen hier UN-Organisationen (wie das UN-Umweltprogramm), wissenschaftliche Institute, Umweltorganisationen und Wirtschaftsverbände neue Studien vor oder laden zu Diskussionen ein. Das ist oft sehr technisch, kann aber auch sehr unterhaltsam sein.

Wie etwa bei der Veranstaltung “Müllverwertung und Erneuerbare Energien”, die am Freitagnachmittag im mexikanischen Pavillon angeboten wird. Es geht um die Verarbeitung der Residuen aus der Tequila-Produktion. Die Veranstaltung sei “interaktiv”, kündigt die Moderatorin aus dem Aussenministerium an.

Tequila: gut fürs Weltklima

Zunaechst aber erklärt ein Unternehmer anhand einer detaillierten Powerpoint-Präsentation, was Tequila mit Klimaschutz zu tun hat: Der Grossteil der Agave-Pflanze, aus der das mexikanische Nationalgetränk gewonnen wird, kann nicht weiterverwertet warden und blieb daher bislang als Müll übrig und wurde auf Halden gekippt. In einem Pilotprojekt wurde jetzt begonnen, die Residuen zu Pellets und Brickets zu verarbeiten, die mehr als doppelt so energieintensiv wie Holz sind und CO2-neutral industrielle Anlagen und heimische Kamine mit Wärme versorgen koennen. Tequila ist gut furs Weltklima.

Um auf diese Erkenntnis anzustossen, wird zur Tequila-Degustation eingeladen. Ein eigens angereister Experte schildert, was guten Tequila ausmacht und wie man ihn standesgemäss zu trinken hat. Nach diversen Kostproben faellt mir ein, dass Krombacher mal eine seltsame Kampagne “Saufen für den Regenwald” gefahren hat, weil mit jedem Kasten Krombacher ein paar Cent an den WWF gespendet wurden (gleichzeitig Krombacher aber als Sponsor für Formel 1 Rennen auftrat). Zumindest in Mexiko ist man da offensichtlich konsequenter.

Fleisch ist auch okay

Ein anderes Event wird von der brasilianischen Fleischindustrie offeriert. Im Programm steht, es werde gezeigt, dass auch trotz “sich ändernder Landnutzung” “die brasilianische Fleischindustrie ihre führende Weltmarkstellung erhalten kann”. Im Klartext: Auch wenn der Regenwald abgeholzt wird, um Platz für Viehweiden und Sojafelder zu machen, ist das egal. Hauptsache Fleischproduktion für den Export, das ist gut für den Wirtschaftsstandort.

Parallel stellen Wissenschaftler bei einem anderen Side-Event Berechnungen vor, wonach die Umstellung der Welternährung auf vegetarischen Konsum die Klimagase drastisch reduzieren würde: weniger Fläche, weniger Rohstoffeinsatz, weniger methan-furzende Kühe.

Die Häppchen, die hin und wieder im Anschluss an die Side-Events gereicht warden, ist zu ca. 90% fleischhaltig. Ich frage mich, ob die brasilianische Fleischindustrie bessere Lobbyarbeit betrieben hat als die Wissenschaftler.

Das Leben könnte so schön sein in Cancun: angenhemes Wetter, weisse Sandstraende, Margaritas. Aber Zeit ist kostbar. Abgedunkelte Messehallen mit Klimaanlage finden hier mehr Zuspruch.

Am fünften Tag der UN-Verhandlungen finde ich endlich etwas Zeit für den Strand. Der befindet sich direct hinter dem Moon Palace, dem Funf-Sterne-Hotel, in dem die Regierungen das Weltklima verhandeln. Einsam trotte ich an leeren Liegestuehlen entlang, werfe einen Blick auf die Marine-Schiffe, die das Gebäude vor möglichen Attacken vom Meer abschirmen sollen.

Keine Menschenseele ist zu sehen, auuser ein paar mexikanischen Arbeitern, die den Strand säubern oder Patrouille schieben. In den Cafés und in den Computerräumen ist hingegen jeder Platz gefüllt. Kaum einer schafft es, das angenehme Wetter zu geniessen. Man springt von einer Podiumsdiskussion zum Planungstreffen, versucht die tonnenweise eingehenden Emails abzuarbeiten und per Blogs nach Hause zu berichten. Selbst beim Feierabendbier (aus der Dose – der mexikanische Gastgeber macht umweltbewussten Konsum leider schwer) geht es um Details von  Mikrofinanzierung, Verhandlungstaktik oder Regenwaldschutz.

Treffen der deutschen Delegation

Die deutsche Regierungsdelegation hat ihr Quartier im Moon Place Hotel aufgeschlagen. Eine Schwarz-rot-goldene Fahne mit Bundesadler markiert den Eingang. Gregor von der Initiative “Plant for the Planet” und ich statten der Delegation nach unserem kurzen Strandspaziergang einen Besuch ab. Die Tür steht offen, wir warden von einem Herrn mit Brille freundlich empfangen.

Wir fragen nach, ob wie der Jugenddialog der Delegation aussieht. Der Herr mit Brille sagt, da gebe es bislang nichts, aber man sei für Vorschläge offen. Eine zweite Mitarbeiterin kommt dazu und lädt uns zu einem Briefing am Samstag ein – die Jugend duerfe aber nur einen Abgesandten schicken. Ich versuche den Witz zu machen, dass wir mit 20 Leuten zum Sitzstreik aufkreuzen, aber die Dame versteht den Witz nicht und wimmelt uns ab. Im Vergleich zu vielen anderen Nationen, sieht die Jugendbeteiligung bei der deutschen Delegation schon schwach aus.

Die erste Party

Abends soll im “Klimaforum”, einer inoffiziellen  Freizeitanlage in 30 Minuten Fahrtzeit entfernt von der Konferenz, eine Party für die Jugend stattfinden. Wir bezahlen fuer einen Shuttlebus, der uns irgendwo nachts bei einem Waldweg aussetzt, und finden den Weg zu der Anlage.

Allerdings wird dort kein Alkohol ausgeschenkt, sondern nur Tee, Kaffee und heisse Schokolade. Das Essen (Reis m it Gemüse) ist kalt und bald leer. Die Musik kann nicht über die etwas ungemütliche Atmosphäre hinwegtauschen, denn selbst abends um neun sitzen die Jugendlichen vor ihren Laptops und beackern ihre Dokumente. Nach knapp zwei Stunden fahren wir in die Stadt und trinken Pina Colada. Und reden über die Fortschritte beim Klimafonds.

Der Mehrwert einer Teilnahme an UN-Veranstaltungen liegt darin, dass man interessante Menschen trifft. Wie den Waldschützer Gregor oder die US-Diplomatin Erin, die mit Anfang 20 mehr für das Klima getan haben als mancher schlauer Blogger.

Gregor ist 24 und macht gerade seinen Bachelor in Environmental Sciences in Cottbus. Ein Jahr lang hat er in Ecuador bei einem Entwicklungsprojekt gearbeitet und dort eine Initiative losgetreten, die 30.000 Bäume gepflanzt hat. Seine Mission bei der UN-Konferenz gilt dem, was man in der UN-Fachsprache „reducing emissions from deforestation and forest degradation in developing countries”, kurz REDD, nennt. Er will sein Wissen beitragen und Erfahrungen mitbringen, um Regenwaldschutz und Aufforstung voranzutreiben.

Erin ist schätzungsweise 21 oder 22 Jahre alt, studiert an der Privat-Uni Yale und ist in der Regierungsdelegation der Seychellen – wohlgemerkt als US-Amerikanerin. Kleine Staaten, deren Delegationen derart unterausgestattet sind, dass sie die Mammutverhandlungen nicht aus eigener Kraft stemmen können, laden neuerdings Studenten ein, sie offiziell in Verhandlungen zu vertreten – und fahren damit ganz gut.

Nationale Interessen

Für die Seychellen vertritt Erin die Verhandlungen über den UN-Klimafonds, der armen Ländern helfen soll, sich auf die Klimagefahren auszurichten. Denn anders als Deutschland koennen viele arme Länder sich es nicht leisten, einfach höhere Deiche bauen. Vor allem nicht die Seychellen, dem kleinen Inselstaat an der afrikanischen Küste, der vom Anstieg des Meeresspiegels in seiner gesamten Existenz bedroht ist.

Doch selbst der drohende wortwörtliche Untergang befreit nicht vom engstirnigen nationalen Kurzfrist-Denken. Beispielsweise gehoren die Seychellen zu den Gegnern einer Besteuerung von Flugzeugkerosin, weil sie Einbrueche beim Tourismus fürchten, erzaehlt Erin.

Jein!

Christina Figueres, Exekutivsekretärin der UN-Konferenz, sagte bei einem Treffen mit jungen Delegierten: „Der UN-Prozess ist so lochrig wie ein Schweizer Kase. Mit mehr Lochern als Kase. Trotzdem lohnt es sich, fur ein Ergebnis zu arbeiten. Es wird nicht perfekt sein, aber ein erster Schritt.“ Man kann Christina Figueres abnehmen, dass sie gerne sofort den besten Klimaschutz beschliessen wuerde. Sie wirkt authentisch. Ihr Vater hat auf Costa Rica die Armee abgeschafft. Ihre Mission ist es, die CO2-Emissionen abzuschaffen. Doch angesichts der Restriktionen der Verhandlungen laeuft sie immer wieder gegen die Wand nationaler Widerstande.

„Das Gegenteil von gut ist gut gemeint. Wenn wir ein perfektes Ergebnis haben wollen, werden wir mit allem scheitern. Ein guter Anfang ist besser als gar nichts“, sagt Christina Figueres. Wenn jetzt erst die Fundamente fur globalen Klimaschutz gebaut werden sollen, ist zu fragen, was in den letzten 18 Jahren seit dem ersten Klima-Abkommen von Rio 1992 eigentlich verhandelt wurde.

Bei einer Dose Eistee vereinbarten Gregor, Erin und ich spontan, eine Partnerschaft für Energieautonomie zwischen den Seychellen und Deutschland zu lancieren. Denn das perfekte globale Abkommen wird es so schnell nicht geben. Die Staaten und Bürger müssen die Energierevolution selbst in die Hand nehmen.

Die Rettung des Weltklimas will nicht so richtig in Gang kommen. Gleich am ersten Tag des UN-Klimagipfels in Cancun gab es Startschwierigkeiten. Auf einen grossen Wurf deutet derzeit nichts hin.

Das haut rein: Bei der feierlichen Eröffnung am Montag gab die japanische Regierung bekannt, dass sie ein neues Verpflichtungsziel zur Reduktion von Treibhausgasen keinesfalls in einen neuen Vertrag schreiben wird. Damit steht bereits fest, dass es ein Folgeabkommen zum Kyoto-Protokoll nicht geben wird. Die Atmosphäre ist vergiftet. Andere Staaten wie Kanada, die ebenfalls lieber keine neuen Reduktionsziele wollen, verschanzen sich hinter dem Bösewicht Japan.

Ein progressiver Vorstoß, eine Begrenzung der Erderwärmung auf maximal 1,5 Grad in die gemeinsame Willenserklärung aufzunehmen und damit das Bekenntnis zum Klimaschutz zumindest rhetorisch zu unterstreichen, wurde ebenfalls bereits abgeblockt. Saudi-Arabien blockierte die Initiative – wenig überraschend. Das Thema ist nun erst einmal bis zur nächsten Zwischenverhandlung im Juni 2011 vertagt.

Jugend bewegt

Einziger Lichtblick in den grauen, abgedunkelten Hallen und Hotelsälen ist eine aktive, kreative und kompetente junge Generation. Mit zahlreichen Aktionen wollen die Jugendlichen um ihre Zukunft kämpfen. Viele sind kritisch, zweifeln am Gehalt von UN-Verhandlungen generell, aber wissen auch: Von hier könnte auch Wandel ausgehen, wenn man denn wollte.

Zumindest für faire Verhandlungen wollen die Jugendlichen sorgen. Ein Problem bei UN-Verhandlungen ist beispielsweise die chronische Unterausstattung der Delegationen von Entwicklungsländern. Ghana ist nur mit insgesamt sechs Delegierten vertreten, andere Länder haben noch weniger. Mit diesem knappen Personal können nicht einmal alle parallelen Verhandlungen besucht werden. Die von jungen Kosmopoliten ins Leben gerufene Initiative UNfairplay unterstützt daher die Regierungen ärmerer Länder und schickt junge, auf eigene Kosten arbeitende Beobachter in die Verhandlungen, um Protokoll zu führen, damit die Entwicklungsländer wenigstens wissen, was in ihrer Abwesenheit besprochen wurde.

Stimmung grau

Von einem „Spirit“, der dem Gipfel den nötigen Drive verleihen könnte, will hier niemand reden. Die Stimmung ist bereits am Anfang der Verhandlungen eher mau. Das passt zum Wetter, das am ersten Konferenztag noch schwül-warm war und nun in Regenschauer umgeschlagen ist.

Der mexikanische Gastgeber ist nicht unbedingt ein Vorbild. Selbst bei der Organisation der Konferenz hat sich die Regierung um Umweltverträglichkeit nicht gerade bemüht. Die Verpflegung ist fast ausschließlich fleischhaltig (wobei jeder klimapolitische Laie weiß, wie krass schlimmer die Klima- und Ökobilanz von Fleisch ausfällt) und wird auf Plastiktellern mit Plastikbesteck serviert, die Getränke kommen ebenfalls größtenteils in Plastikbechern oder Alu-Dosen. Extra für die Klimagipfel wurde ein Windrad aufgestellt, das sich nun einsam neben den Messehallen dreht. Ein Gipfel an Symbolpolitik.